Australien: Abgetaucht auf Heron Island

Nach einer zweistündigen Fährfahrt über den Pazifik verwandelt sich das Dunkelblau unter uns langsam in ein Hellblau mit türkisen Nuancen. Am Horizont erstreckt sich ein weißer Strich geschmückt mit sattem Grün. 'Welcome on Heron Island.' Bei der Einfahrt in das Atoll kann die Begrüßung nicht spektakulärer sein. Zwei Rochen schwingen ihre flügelartigen Brustflossen elegant zu unserer Rechten und ein Riffhai umkreist hektisch die Pfosten des Piers.

Dass Heron Island 1920 der Herstellung von Schildkrötenkonserven diente, ist nur schwer zu glauben. In den 1950er Jahren kamen Touristen meist zum Schildkrötenfang auf das Eiland oder um sich bei einem Schildkrötenritt ablichten zu lassen.

Heute sind die Inselbewohner immer noch die Hauptattraktion, jedoch stehen sie mittlerweile unter Schutz. Es gilt: Nicht berühren, nur beobachten! Das 'Turtle Nesting' will kaum jemand verpassen. Abhängig von den Gezeiten kriechen täglich etliche Schildkröten an Land und vergraben ihre Eier am Strand. Wer zu spät kommt, kann zumindest die hinterlassenden Panzerspuren im Sand begutachten. 

Die Schildkröten kehren an den Ort zurück, an dem sie selbst das Licht der Welt erblickten. Das 'Turtle Hatching', welches man mit etwas Glück auch bestaunen kann, bezeichnet das Schlüpfen der Winzlinge zwischen Januar und Mai. In wenigen Sekunden wackeln die Jungen von ihrem Nest ins offene Meer. Nur eine von tausend schafft es dabei ins Erwachsenenalter. Diese wundersamen Geschöpfe in ihrer natürlichen Umgebung – auf Land oder unter Wasser – zu beobachten, ist das Highlight auf Heron Island.

Das Eintauchen in eine andere Welt fasziniert uns

Genau deswegen sind wir hier. Das Eintauchen in eine andere Welt fasziniert uns. Im 'Marine Center' statten wir uns mit Taucherbrille, Schnorchel und Flossen aus. Der Tauchlehrer informiert uns und den Engländer Robert, der sich für den nächsten Tauchgang anmeldet über die gefährliche Cone Shell. „Sammeln oder berühren Sie keine Muscheln“, warnt er uns. Die giftige Schnecke lebt in einer wunderschön gemusterten Muschel und kann sogar tödlich sein.

Schnorcheln kann man entweder an der Riffkante oder direkt vom Strand ausgehend. Ich starte vom Shark Bay und erhoffe mir, was der Name verspricht. Bereits nach den ersten Flossenschlägen starren mich zwei Augen an. Im Sand hat sich ein Gitarrenrochen vergraben. Man kann ihn leicht mit einem Hai verwechseln, denn seine Rückenflosse ähnelt der eines Haies.

Kurz darauf zeigt er sich dann. Rechts von mir ein Huschen. Mein Herz rast. Auch wenn dieser Riffhai kaum größer als eineinhalb Meter ist: Er beeindruckt! Einige Sekunden kann ich ihm noch hinterher blicken. Dann verschwindet er in blauer Ferne. Ein schneller Auftritt.

Auch wenn man Heron Island mit anderen Gästen teilen muss, fühlt man sich schnell wie Robinson Crusoe. Natur pur, einzigartige Korallenriffe, Artenvielfalt, einsame Strände und das Festland in weiter Ferne. Wir stellen uns vor, dass wir Gestrandete sind. Besucher einer uns fremden und fesselnden Welt. Nur wir und der endlose Ozean.

An diesem unheimlichen Ort will man keinem Hai begegnen

Für den zweiten Schnorchelgang spazieren wir zum Pier. Unweit vom Strand liegt hier ein verrostetes Schiffswrack. Nach wenigen Schwimmzügen erreiche ich es und erblicke zuerst den in den Meeresboden gerammten Buk. Alleine das Umrunden des alten Wracks ruft Bilder aus schlechten Horrorfilmen hervor und beim Anblick des dunklen Schiffsinneren stößt man die Flossen noch kräftiger ins Wasser. An diesem unheimlichen Ort will man eigentlich gar keinem Hai begegnen. Doch diesmal bereiten mir gleich zwei Artgenossen das Vergnügen.

Die eingeschränkte Sicht der Taucherbrille trägt nicht gerade zu mehr Durchblick in dieser uns sowieso schon unbekannten Welt, sondern steigert eher die Unsicherheit. Deswegen bin ich auch ein wenig erleichtert als ich das Wrack hinter mir lasse und Richtung Strand paddel.

Und endlich. Tief unter mir bewegt sie gemächlich, aber majestätisch ihre Flossen. Die Urbewohnerin der Meere. Man möchte sein menschliches Dasein vergessen und ihr blind ins dunkle Blau folgen. Sie ist die eine von tausend, die es geschafft hat. Mach's gut Kassiopeia!

Trotz sommerlicher Temperaturen ruft jetzt eine heiße Dusche. Der Name unseres Bungalows erinnert an eben Erlebtes: Turtle Room. Das Bett sieht sehr einladend aus, doch mein Magen erzählt mir etwas anderes. Auf dem Weg ins Restaurant fühlt man sich wie auf einem Minenfeld. Seevögel regieren nämlich das Innere der Insel. Sie nisten überall und verrichten ihr Geschäft auch überall. Somit ist der Boden mit weißen Flecken gesprenkelt. 

Der leicht stechende Geruch und das permanente Vogelgezwitscher sind wohl die bitteren Nebeneffekte, die man hier schlichtweg ertragen muss. Den kurzen Fußmarsch bis zum Eingang des Restaurants zu überstehen ohne einen der fliegenden Haufen ab zu bekommen, misslingt mir.

Das Resort bietet neben dem Restaurant auch eine Bar, einen Pool, einen kleinen Spa sowie einen Tennisplatz. Das Informationszentrum interessiert besonders die kleinen Gäste, denn dort kann man rund um die Unterwasserwelt – von farbenreichen Muscheln bis hin zu riesigen Schildkrötenpanzern – alles bestaunen und betasten.

„Haben Sie vergessen die Uhr umzustellen?“, fragt uns die Dame am Empfang des Restaurants höflich. „Ja, das haben wir.“ Auf Heron Island ist es eine Stunde später als auf dem Festland in Queensland. Eigentlich haben wir für 19:00 Uhr reserviert und den Sonnenuntergang wohl auch verpasst. 24 Stunden gestrandet auf Heron Island. Dabei alles auszukosten, was die Insel bietet, ist nicht einfach.

Als wir das Eiland am nächsten Tag verlassen, macht die Verabschiedung der Begrüßung Konkurrenz. Acht Babyhaie schwimmen ununterbrochen im Kreis – drei Meter vom Strand entfernt. Als tanzen sie Ringel, Ringel, Reihe. Bye-bye Heron Island!