Mit Kopftuch durch den Iran

Ich bin auf der falschen Seite. Auf der Seite der Männer. Mir ist ist der Hinweis 'Women only' auf der Scheibe des Zuges nicht aufgefallen und so stehe ich eng aneinandergedrängt zum männlichen Geschlecht und wünsche mich zu den Frauen. Eine fast unsichtbare Linie trennt die Geschlechter im Zuginneren der Metro in Teheran. Die Verwunderung ist groß, wenn man dies beim Einsteigen übersieht. 

Denn entweder steht Frau auf der einen Seite und ist ausschließlich von Männern umgeben oder Mann auf der anderen und umhüllt von Parfumwolken und Geschnatter. Ich spüre die zahlreichen Blicke der Männer und bin zum ersten Mal froh, einen Schleier tragen zu müssen. Nur noch zwei Stationen bis zum Imam Khomeini Platz und ich bin erlöst.

In der überlaufenen Metro ist eines nicht zu übersehen. Iran ist 'the country of nose jobs'. Viele – und nicht nur Frauen – laufen mit einem weißen Hansaplast auf der Nase herum. Da das Gesicht das Einzige ist, das die Iranerinnen aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Verschleierung zur Schau stellen können, sind Nasenkorrekturen sehr beliebt. Aber nicht nur so versuchen die nicht streng muslimischen Frauen aufzufallen. Highheels, Lippenstift, Schmuck, knallige Farben, gefärbte Haare und Haaransätze, die bis zum Hinterkopf sichtbar sind. Das ist die Realität, vor allem in den Großstädten.

Dass es fast 40 Grad hat, ist in der Metro schnell vergessen, denn hier läuft die Klimaanlage auf Hochtouren. Unglaublich wie es die Frauen in den Sommermonaten in ihren Tschadors aushalten. „It is torture for our women.“, sagt Navid. Er ist in den letzten Tagen unser Freund geworden. Mit seiner lustigen, lockeren Art, seiner Höflichkeit und Schüchternheit, seiner Dankbarkeit und Traurigkeit berührt er mich sehr. 

Navid wartet schon lange auf sein Visum für Deutschland, denn er möchte in der Nähe von Aachen studieren. Seine Freundin hat es bereits geschafft und ist seit ein paar Monaten in Saarbrücken. Alles was mit Deutschland zusammenhängt liebt er. Auf dem Desktop seines Computers erscheint ein Bild von dem Fußballspieler Schweinsteiger. „Do you think it is possible to meet the Bayern München team in Germany?“, fragt er. 

Wenn er in München ist, will er diese unbedingt beim Training besuchen. Erst am vorletzten Tag erzählt Navid, dass er den Iran noch nie verlassen hat. Unsere Gespräche wechseln zwischen Themen zu unserem Musikgeschmack und Erzählungen zu der grünen Revolution 2009. Navid war dabei. Das Mädchen, das dort getötet und zu dem Gesicht der Revolution wurde, war eine entfernte Bekannte von ihm. 

Navid glaubt nicht, dass es bald wieder zu Aufständen kommt, denn die Menschen sind noch zu sehr verletzt und eigentlich will jeder nur seine Ruhe. „I just have one life. Why should I risk it?“ Er will nach Deutschland, ein neues Leben aufbauen, dort vielleicht für immer bleiben. Bei unserer Verabschiedung steigen mir das erste Mal Tränen in die Augen.

Oh du schönes Teheran

Teheran ist mit 15 Millionen Einwohnern die moderne Hauptstadt des Iran. Trotz Chaos und Hitze liebe ich diese Stadt. Drei Tage Aufenthalt sind geplant – wir bleiben zehn. Beim Schlendern über den Bazar lassen wir uns von Teppichhändlern um den Finger wickeln, bestaunen die Imam Khomeini Moschee beim Freitagsgebet, besuchen eine der vielen Kunst- und Fotoausstellungen und trinken im Studentenviertel ein alkoholfreies Bier mit jungen Teheraner. Alkohol ist im Iran verboten. Später schreibe ich in mein Tagebuch: Oh du schönes Teheran in dir kann man leicht einige Tage versinken, ist dann aber auch froh, wenn du einen wieder los lässt.

Sittenpolizei und Gastfreundschaft

Auf dem Weg zu Baame Teheran oder auch Dach von Teheran – einem Berg im Norden der Stadt – passiere ich mit Daryaa und ihre Freundin Nasrin die Sittenpolizei. Männer und Frauen, islamisch 100% korrekt gekleidet, stehen am Straßenrand und werfen jedem Ankömmling kritische Blicke zu. Wegen zu lockerer Kleidung eine Nacht im Gefängnis zu verbringen, ist keine Seltenheit. Die beiden Iranerinnen ziehen sich ihre Kopftücher etwas mehr ins Gesicht und ich blicke angespannt nach vorne. Bloß keinen Augenkontakt herstellen. 

Wir dürfen weiter fahren. Es hat den Anschein, dass das Wort kontrovers aus dem Iran stammt, denn dieses Land besteht aus zwei Welten. Die eine spielt sich vor und die andere hinter der Haustür ab. Sobald die Tür geschlossen ist, fällt in vielen Heimen der Schleier. Es wird gelacht, getrunken und Musik gehört. Nicht Wenige führen hinter den Türen ein Leben wie im Westen.

Bei dem halbstündigen Spaziergang zur Spitze des kleinen Berges, der hauptsächlich Treffpunkt für junge Teheraner ist, ist auch die Sittenpolizei vergessen und der lockere Umgang überwiegt wieder. Die Aussicht dort oben ist grandios, besonders bei Nacht.

Als wir uns an einem der vielen Essensstände ein Stück Pizza holen, wird das Verständnis der Gastfreundschaft wie so oft deutlich: „You are my guest.“, sagt Daryaa und zahlt. So sehr ich mich auch anstrenge, selbst zu zahlen, ist unmöglich. Mit den wenigen Touristen, die den Iran bereisen, sind wir uns stets einig. 

Die Gastfreundschaft in diesem Land ist einzigartig. Sicherlich können Ausländer einige Wochen durch dieses wunderbare Land reisen ohne in einem Hotel unterkommen zu müssen. Vor allem Touristen, die den Iran mit dem Fahrrad oder per Anhalter erkunden, berichten von zahllosen Einladungen. Wild campen ist in vielen Regionen auch kein Problem. Bis auf das Gebiet Belutschistan im Südosten ist der Iran derzeit ein sicheres Reiseland. Natürlich muss die aktuelle Sicherheitslage vor jeder Reise abgeklärt werden.

Wüstendurchquerung Dasht-e Kavir

Der Iran hat zwei Wüsten. Die Dasht-e Kavir im Norden und die Dasht-e Lut im Süden. Von Semnan – 223 km östlich von Teheran – starten wir die Wüstendurchquerung. Zuerst geht es Richtung Mo'alleman und dann weiter nach Na'in. Die Straße ist meist gut geteert und zweispurig. Vierradantrieb ist nicht nötig. Von einem Ende der Wüste zum anderen zu fahren, ist wahrlich ein Erlebnis. Auch wenn es in der Wüste eigentlich 'nichts' gibt, ändern sich die Landschaftsbilder in der Kavir Wüste doch enorm. 

Von raffen Berglandschafen über trockene Ebenen mit Büschen zu trockenen Ebenen ohne Büsche bis hin zur Sandwüste. Das Vehikel für die fast 500 km lange Fahrt muss selbstverständlich fit sein, denn bis auf ein paar LKWs und die ein oder andere Kamelherde kommt uns nicht viel entgegen. Wir verbringen eine Nacht unter dem Sternenzelt und sind überwältigt. Unendliche Stille und das Universum so nah. Unvergesslich.

Da ich mich in der Wüste wie der einzige Mensch auf Erden fühle, lege ich den Schleier ab. Im Iran herrscht Kopftuchpflicht und zwar überall und für jede Frau. Die Straße ist in beide Richtungen menschenleer, kleine Windböen schleudern Sand in die Luft, Stille umgibt uns. Doch plötzlich: ein Polizeiauto und zwei Polizisten. „We are in Iran. Don't show your hairs and cover your body!“ Und das mitten in der Wüste bei 50 Grad. Sehr skurril. Für Touristinnen bleibt es gewöhnlich bei dieser Verwarnung. Die Polizisten düsen mit einem Augenzwinkern davon und ich bin unglaublich erleichtert.

1001 Nacht in Isfahan

Nach zweistündiger Fahrt von Na'in erwartet uns Isfahan, die Perle von Persien. Im Gegensatz zu Teheran ist sie klein, überschaubar, sauber, reich und touristisch. 1001 Nacht? Isfahan ist die Stadt. Der Imam Platz hat abends den besonderen Flair: der große Brunnen in der Mitte, die atemberaubende Imam Moschee am Rande, kleine Grünflächen, das Hufgeklapper der Pferdekutschen, Lichter ringsum und jede Menge Iraner beim Picknicken. Iran ist nämlich die Picknick-Nation überhaupt. Gerade im Sommer. 

Tagsüber erscheint der Platz menschenleer, abends ist die Hölle los. Die Imam Moschee, direkt am Imam Platz, ist laut etlicher Reiseführer eine der schönsten Moscheen der Welt. Daran lässt sich kaum zweifeln, denn sie durchaus ist ein Meisterwerk. Sie ist allerdings nicht die Einzige. Sehenswert sind außerdem die Hakim und die Jameh Moschee. Für ein Mittagsschläfchen ist der Park südwestlich des Imam Platzes ideal. Dort kann man sich im Gras unter einem der vielen Bäume ausstrecken und den Landsleuten bei ihrer Lieblingsbeschäftigung zusehen – dem Picknicken – oder entspannt sich im Teehaus am Ufer des Zayandeh Flusses. Jedoch ist dieser oft ausgetrocknet. 

Wer auch beim Abendessen von Persiens Zauber noch nicht genug hat, geht ins Sofreh Khane Sonati am Imam Platz. Im Schneidersitz zu essen, ist vielleicht nicht jedermanns Sache, jedoch ist das 'Takht' – Podium, auf welchem gespeist wird – Tradition und erhöht zudem die 1001 Nacht Atmosphäre. Durch die farbenprächtigen Fensterläden erscheint einer der Innenhöfe des Bazars. Selbst wenn einem nicht nach Essen ist, lohnt es sich zumindest auf ein Glas schwarzen Tee und ein paar Datteln vorbei zu schauen.

Die Regeln von ta'arof

„Sind Sie aus Deutschland?“, fragt uns der Taxifahrer auf dem Weg vom Sonati zum Hotel. Sein Bruder lebt in Düsseldorf, erzählt Ahmad in gebrochenem Deutsch. Auch er will nach Deutschland reisen, hat aber kein Visum bekommen. „Die denken ich bin Hisbollha, Terrorist!“, sagt er laut lachend. Beim Aussteigen hält er ein schmales Buch in die Höhe mit dem Titel 'Die 10 besten Haushaltstipps' – seine Deutschlektüre.

Iranische Taxifahrer haben nicht nur liebend gerne einen Plausch, sondern sprechen sogar rasch eine Essenseinladung aus. Auch wenn die Verständigung häufig schwer fällt, ist die Geste der Nahrungsaufnahme doch recht klar. Das ist aber nicht immer der Fall. Mit Händen und Füßen zu kommunizieren ist innerhalb der nah gelegenen Kulturkreise normalerweise kein Problem.

Hier ist das anders. Manchmal stehen wir vor einem Iraner und fühlen uns wie bei dem Spiel Pantomime, wenn wir den Begriff 'Rhabarber' erklären müssen. Unser Gegenüber erwidert unser Gesagtes zwar ständig mit 'OK' oder 'Yes', doch am Ende ernten wir meist ein „What? Don't understand!“ Die Iraner haben allerdings auch keine Hemmungen fröhlich auf Farsi loszulegen. Selbst wenn wir des öfteren „We don't speak Farsi“ sagen, hören sie keineswegs auf, sondern sprechen einfach langsamer und lauter. Und wiederholen ihre Frage oder Antwort gerne viele Male.

Bei der nächsten Taxifahrt lädt uns Nasser zum Essen ein. Wir freuen uns endlich die iranische Hausmannskost kennenlernen zu dürfen und nehmen dankend an. Bei der Verabschiedung wollen wir uns noch einmal fest verabreden und Nummern austauschen. Aber Nasser ruft freundlich lächelnd „Have a nice day“ durch die halb geöffnete Fensterscheibe und gibt Gas. „Wie bitte? Haben wir die Einladung zum Essen etwa falsch interpretiert?“ 

Nein, haben wir nicht, denn das war 'ta'arof'. Die Erklärung für diese Höflichkeitsformel steht in den meisten Reiseführern. Falls man diese vorab gelesen hat, dann wundert man sich auch nicht, wenn der Taxifahrer bei der Frage nach den Fahrtkosten mit vehementer Geste abwinkt. Denn auch das ist ta'arof. Das bedeutet nicht, dass er kein Geld will. Er will es, aber erst nach zwei- bis dreimaligem Anbieten. Nach dem Motto: Ich habe es zwar nicht nötig, aber gut, dann nehme ich es halt. Die Kosten sind dann meist höher als für einen iranischen Fahrgast. Touristenpreis, natürlich! 

Auf ähnliche Weise läuft es auch mit der Essenseinladung ab. Iraner stehen für ihre Gastfreundlichkeit und laden einen auch ein, wenn sie es sich vielleicht gar nicht leisten können. Als der Eingeladene muss man dem Gastgeber laut ta'arof die Möglichkeit geben, sich noch zurückziehen zu können. Deswegen bei jeder Einladung mindestens zweimal 'Nein' sagen, falls der Gastgeber dann immer noch darauf besteht, meint er es ernst. Jedoch denken wir nicht immer an die Regeln von ta'arof. So kann es eben dazu kommen, dass man bei der Einladung vom Taxifahrer sofort zusagt, dann aber am Straßenrand mit „Have a nice day“ zurück gelassen wird.

Ruinenstadt Persepolis

Es gibt vermutlich nur einen Ort im Iran, an welchem sich mehr Touristen aufhalten als in Isfahan und zwar in Persepolis. Die Ruinen von Persepolis, die 50 km nordöstlich von Schiras liegen, sind der Inbegriff des persischen Reiches. Bevor Alexander der Große die Palastanlage 330 v. Chr. von seinen Truppen zu Boden reißen ließ, war sie das Juwel des Orients und der ganze Stolz der Perser. Errichtet 200 Jahre vor Alexanders Angriff von dem Achämenidenkönig Darius, stellte Persepolis das religiöse und kulturelle Machtzentrum des persischen Reiches dar.

Heute führt eine breite Straße zum Eingang des antiken Palastes. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie Alexanders Truppen dort einmarschiert sind. Wiehern und Schnauben der Pferde, Menschengeschrei, Hitze, Staub, Aufregung, Angst. Und heute: eine Touristenattraktion. Allzu viel ist nicht mehr übrig von Persepolis, allerdings ist das Wenige von solcher Präzession und Schönheit, dass es uns staunen lässt.

Das letzte große Spektakel fand 1971 statt als der damalige Schah das 2500-jährige Bestehen von Persien in den Ruinen von Persepolis zelebrierte. Bei dem übertrieben großen und prunkvollem Fest waren Staatsleute und Königsfamilien aus aller Welt geladen. In den Tagen um den pompösen Auftritt war die nahe gelegene Stadt Schiras mit namhaften Persönlichkeiten gefüllt.

Schiras und ihre persischen Poeten

Die Dichterstadt, 500 km südlich von Isfahan, hat mit 1,75 Millionen Einwohnern fast die gleiche Größe wie sein nördlicher Bruder. Schiras steht für die Poeten Persiens, denn hier befinden sich die Mausoleen der Dichter Hafes und Saadi. Neben dem Koran hat angeblich jeder Iraner ein Buch von Hafes in seinem Haus. Gedichte sind definitiv ein wichtiger Bestandteil im Leben der Iraner. Hafes, Saadi, Ferdowsi, Rumi und Omar – das sind die Namen der großen persischen Poeten. Die jüngsten von ihnen sind bereits einige Jahrhunderte tot. 

Das Mausoleum von Hafes wird jeden Abend zum Pilgerort. Dort kann man den steinernen Sarg bestaunen oder einfach nur auf einer Bank unter Orangenbäumen sitzen und dem Sprechgesang der Gedichte aus den Lautsprechern lauschen. Vorausgesetzt man versteht es. Schnell ist die Menschenansammlung am Sarg vergessen und Ruhe überkommt mich. Auf der Bank neben mir sitzt ein alter iranischer Mann. Mit grauen Haaren, leicht gekrümmten Kreuz, weißem Hemd und Hosenträgern. Er blickt ins Leere. Und horcht. Ein schönes und trauriges Bild zugleich.

„Can I talk to you?“

Rund um den Hauptplatz in Schiras tänzeln die Einheimischen ständig um uns herum und schwirren umher. Jeder will Kontakt aufnehmen und das ist keine Übertreibung. Manchmal erwische ich mich beim typisch Deutschsein. „Was will der von mir? Bestimmt etwas andrehen oder womöglich sogar klauen.“ Dies ist natürlich nicht so. Er oder Sie wollen Englisch üben und mehr über unser Herkunftsland erfahren. 

Persönliche Fragen wie „Seit wann seid ihr verheiratet? Wart ihr davor schon verliebt? Habt ihr Kinder? Warum nicht? Aus welcher Stadt kommt ihr? Wie ist es da? Was denkt ihr über den Iran?“ folgen oft in einer Schnelligkeit wie im Fragenkatalog. Die Unterhaltung mit einem 19-jährigen afghanisch-iranischen und einem 29-jährigen iranischen Studenten geht fast zwei Stunden. Vor allem das Finden einer passenden Ehefrau ist eine essentielle Frage in ihrem Leben. Sie müssen andauernd an Mädchen denken, denn sie sind schon immer von ihnen getrennt, meinen sie. 

„My mother will choose the right wife for me“, erklärt der Ältere von beiden. Seine Frau soll wie eine beste Freundin sein und am besten aus seinem Dorf kommen. So kann er sicher gehen, dass beide auf einer Wellenlänge sind. Außerdem möchte er gern nach Australien auswandern. Bei der Verabschiedung weicht er irritiert von mir zurück: „We don't shake hands with women.“ Ich bin verunsichert und leicht beschämt. „Bin ich etwa Luft?“ Natürlich nicht. Das Verhalten ist auch eine Geste des Respekts gegenüber meinem Partner. Also akzeptiere ich das streng muslimische Verhalten und starte bald gar nicht mehr den Versuch die Hand bei Begrüßung oder Verabschiedung hin zu strecken.

Vorurteile adé

Ja, der Iran ist für uns eine andere Welt: Islam, Kopftuchpflicht, Isolation, muslimische Verhaltensweisen, Alkoholverbot. All das erscheint uns fremd und macht uns auch ein bisschen Angst. Zudem hat man aufgrund der medialen Berichterstattung negative Bilder im Kopf, wenn man an den Iran denkt. Doch bereits in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes lösen sich alle falschen Vorstellungen und Unsicherheiten in Luft auf. Noch nie habe ich so viel Gastfreundschaft erfahren, noch nie so viel Offenheit und Neugierde. Noch nie hat mich ein ganzes Volk so sehr berührt.

Starkes Bam

Die letzte Station auf der Reise durch den Iran ist die Wüstenstadt Bam am südlichen Zipfel der Dasht-e Lut. Zuerst stechen die zahlreichen Dattelpalmen ins Auge, denn Bam ist ein wichtiger Exporteur der berühmten iranischen Datteln. Die Bamis – Spitzname der Einheimischen – sprechen den Datteln sogar potenzsteigernde Kräfte zu. Sie sind sehr nahrungsreich und unglaublich köstlich. Zwischen den Palmen und Häusern erkennen wir die Überreste der Katastrophe, welche Bam 2003 heimsuchte. 

An einem frühen Morgen im Dezember erschüttert ein Erdbeben mit der Stärke 6,8 die kleine Stadt. Innerhalb weniger Sekunden sterben mehr als 30.000 Bamis. Auch das Wahrzeichen Bams, das Arg-e Bam, ist fast komplett zerstört. Die Zitadelle und größte Lehmstadt der Welt, welche mehr als 2000 Jahre überdauerte, zerfällt in wenigen Sekunden zu Staub. Nach fast neun Jahren ist Bam aus den Ruinen auferstanden und ein großer Teil des Arg-e Bam steht wieder. Den Charme einer 2000 Jahre alten Ruine hat es leider verloren, ist aber immer noch atemberaubend und absolut sehenswert. 

Neben der Besichtigung der Ruinen gibt es allerdings noch ein Muss in Bam: Akbars Guest House. Der Besitzer Akbar erscheint wie ein Zauberer aus dem Film Harry Potter, der einem ständig tolle Weisheiten zuflüstert. Sein Gästehaus ist auch Treffpunkt für alle Überlandfahrer, die gerade über Pakistan nach Indien fahren oder von dort kommen. Bam liegt lediglich eine Tagesetappe von der pakistanischen Grenze entfernt. 

Akbar hat bei dem Erdbeben in Bam 81 Familienmitglieder und Freunde verloren und danach alles von neuem aufgebaut. Er hat nicht nur eine ungemeine Willenskraft, sondern auch einen erfrischenden Humor. „I am from California“, sagt er in überzeugendem Englisch bei der Begrüßung. Bis sein verschmitztes Lächeln auf blitzt, glauben wir das auch. Schnell lernen wir, dass Akbar nicht immer alles ernst meint. Sein ganzer Stolz sind seine Gästebücher der letzten Jahrzehnte, die er bei dem Erdbeben glücklicherweise retten konnte. Er hat sie sozusagen in letzter Sekunde aus den Trümmern gezogen. 

Als ich die Seiten mit all den Fotos und Einträgen von Menschen unterschiedlichster Nationen durchblättere, steigt die Abenteuerlust in mir. Wir sind auf dem Landweg nach Indien und Nepal. Akbars Guest House ist der letzte Stopp vor dem Tor in eine weitere fremde Welt. Und Akbar die gute Seele, die uns trotz großer Unsicherheit aufgrund der bevorstehenden Fahrt durch Pakistan das Gefühl gibt, dass alles so kommt, wie es kommen soll. So Gott will – Inschallah.