Nepal: Film Club im Himalaya

„Have you lived enough?“, fragt mich Jyangme grinsend bevor wir in die 20-Mann Maschine von Nepal Airlines einsteigen. Gelebt habe ich sehr wohl, aber sicher nicht genug. Und mit 28 Jahren will ich bestimmt nicht über dem Himalaya abstürzen. Ich mag keine kleinen Flugzeuge.

Vor allem nicht, wenn ich damit über das höchste Gebirge der Welt fliegen muss um dann auf einer kurzen Landebahn auf 2470 Höhenmetern zu landen. Das Surren der Maschine ist so laut, dass man sich nur schreiend unterhalten kann und jeder Windstoß pumpt eine weitere Portion Adrenalin in meinen Körper. Ich zähle die Minuten. Glücklicherweise sind es nur 35 bis wir Phablu erreichen. Der Pilot legt die Zeitung beiseite, wechselt einige Sätze mit dem Kopiloten und drückt ein paar Knöpfe. Wir sind im Landeanflug. Endlich.

Eine Woche später will Jyangme wissen: „Have you heard of the plane crash yesterday?“ Kurz nach dem Start eines Flugzeuges, das von Kathmandu nach Lukla fliegt, einem etwas entfernteren Flughafen in der Mount Everest Region, fängt die Maschine Feuer und stürzt ab. Alle 19 Menschen sterben, darunter viele Touristen. An diesem Tag beschließen wir: den Rückweg in sieben Wochen bewältigen wir zu Fuß.

Solukhumbu Region

Phablu liegt in der Region Solukhumbu östlich von Kathmandu. Diesen Teil von Nepal erreicht man entweder mit dem Flugzeug oder nimmt eine zweitägige Jeepfahrt in Kauf. Allerdings nur außerhalb des Monsun. Straßen sind rar und meist kaum befahrbar. Am schönsten, sichersten und umweltfreundlichsten ist die Anreise auf Wanderwegen. Dafür mit dem Bus nach Jiri fahren und innerhalb von zwei bis drei Tagen nach Phablu laufen. Der nördliche Teil von Solukhumbu beinhaltet die Mount Everest Region und ist daher sehr touristisch. 

Aber viele Gebiete des Südens sind relativ unangetastet und man kann getrost sagen: Nepal ist hier noch Nepal. Zudem ist Solukhumbu die Heimat der Sherpas, einer ethnischen Gruppe, die meist dem Buddhismus angehören. Da die Sherpas ein Bergvolk sind, arbeiten sie häufig als Träger für Bergtouren im Himalaya und der Begriff 'Sherpa' ist somit fälschlicherweise gleichbedeutend mit 'Hochgebirgsträger'.

Ankunft bei Furwa Doma und Wongda

Auch wir bekommen Unterstützung. Unser nepalesischer Begleiter Jyangme von der Organisation Himalayan Care Foundation hat zwei starke junge Männer organisiert, die unsere schwere Kameraausrüstung auf dem zweistündigen Marsch vom Flughafen in das Dorf Garma tragen. Dort erwartet uns unser zu Hause für die nächsten sieben Wochen. Ein Teehaus. Wir sind aufgeregt. Was kommt auf uns zu in Garma? Wie können wir unser Projekt umsetzen? Wie gut oder schlecht ist die Verständigung?

Aus den hellblau-weiß bemalten Türen und Fenstern der Häuser auf dem Weg nach Garma beobachten uns neugierige Blicke. „Namaste“ hören wir immer wieder rufen, oft gefolgt von einem beschämten Lachen. Die ein oder anderen Wagemutigen begrüßen uns mit „Hello, how are you?“ oder „What is your name?“ Darunter vor allem Kinder. Hinter uns ragt der fast 7000er Berg Numbur empor. Leider ist im September die Wolkendecke noch so dick, dass wir nur einen kurzen Blick erhaschen.

Trotz dünner Luft, lockerem Schuhwerk und dreißig Kilo Gepäck auf dem Rücken laufen uns Jyangme und seine zwei Freunde davon und erreichen das Teehaus bereits vor uns. Völlig außer Atem und verschwitzt betreten wir die gemütliche Stube und begrüßen unseren Gastvater Wongda und seine Frau Furwa Doma. „Ta pai lai kas to cha?“ Unsere Gasteltern lachen inbrünstig. Die Frage 'How are you' hätten sie vermutlich ebenso verstanden, aber wir wollen gleich mit unseren Nepali Kenntnissen punkten, selbst wenn die Aussprache wohl etwas falsch ist. 

Die Beiden sind herzzerreißend. Sie sind hier geboren und aufgewachsen, wirken wie aus alten Zeiten entsprungen. Ihr Teehaus, zwei Kühe, Hühner, Obstbäume und ein kleiner Gemüsegarten sind ihr Hab und Gut. Wir trinken unseren ersten Milchtee. Es folgen Hunderte. Angekommen!

Entwicklungshilfe mit außergewöhnlichem Schwerpunkt

„Und wenn nur ein einziger Mensch danach anfängt Filme zu machen, welche wiederum ein paar Menschen bewegen, zum Nachdenken bringen, dann hat es sich mehr als gelohnt.“ Diese Zeilen habe ich einen Tag vor Abflug nach Phablu in mein Tagebuch geschrieben. Vielleicht um mich noch einmal selbst von unserem Projekt zu überzeugen. Ja, wir hatten Zweifel „Was? Ihr wollt nepalesischen Kindern in einem Bergdorf im Himalaya das Medium Film näher bringen? Weshalb?“ Stimmt. Warum eigentlich?

Wir sind von Xchange Perspectives e.V. Eine junge Organisation aus München, die mediale Entwicklungshilfe fördert und deren Vision eine Welt ist, in der alle Menschen die Möglichkeit haben ihre Perspektiven durch Medien zu teilen. Eine Welt, in der alle Stimmen gleich gehört und wahr genommen werden. Der Verein Himalayan Care Foundation (HCF) macht uns 2011 auf Nepal aufmerksam. Seit Jahren setzt sich dieser für humanitäre Hilfe und besonders für den Aufbau und die Ausstattung von Schulen in Solukhumbu ein. Der lokale Radiosender Solu FM bittet HCF um den Aufbau ihrer Radiostation durch weitere technische Geräte. Dadurch kommen wir ins Spiel. 

Wir erfahren, dass Solu FM zudem einen örtlichen Fernsehsender plant. Eine Zukunftsperspektive für die Kinder und Jugendlichen vor Ort, denn allzu viele Berufsfelder gibt es in der Bergregion nicht. Und oft bedeutet das für die Jugendlichen: Heimat verlassen! Die nächstgelegene Schule ist die 'Garma School' mit nahezu 300 Schülern. Das Besondere der Schule ist das integrierte Waisenhaus und eine Klasse für Gehörlose. Einzigartig in Solukhumbu.

Wir wollen bilden – einmal auf andere Weise. Unser Fach ist nicht Englisch, Mathematik oder Geschichte, sondern Film. Die Schüler lernen während des Workshops nicht nur den Umgang mit Kamera, Mikrofon und Schnittprogramm, sondern auch, dass Film ein Medium ist. Ein Medium, welches hinterfragt werden muss, aber genauso als Sprachrohr dienen kann. Sozial relevante Themen können in Filmen verpackt und an die Öffentlichkeit getragen werden. Film verleiht Stimme. Der Video Workshop bietet den Jugendlichen eine Zukunftsperspektive. Und zeigt ihnen, dass ihre Stimme Gewicht hat.

Bergab, bergauf!

Zuerst die abgefahrene Schotterstraße entlang, über den kristallklaren Fluss, dann rechts auf den Waldweg. Durch die mannhohen Maisfelder bis zum Haus mit dem knallig blauem Balkon. Vorbei an duftenden Tannenbäumen den steilen Berghang hinab. Danach die Steinstufen bis zur Schule. Und am Ende des Tages wieder zurück. Eine halbe Stunde bergab, eine dreiviertel Stunde bergauf. Mit Kameraausrüstung. Unser täglicher Fußmarsch in die 'Garma School'.

„Namaste. I am the head teacher of the school. We are very happy to meet you.“, begrüßt uns der Direktor. Er plus seine Kolleginnen und Kollegen stehen wie beim Militär in einer Reihe, alle in ihren besten Anzügen und Kleidern. Sie freuen sich, dass wir da sind, sind aber merklich aufgeregt. 

Und wir sind es auch. Nachdem sich jeder reihum vorgestellt hat, erhalten wir eine Führung über das Schulgelände. Die beiden Englischlehrer Roshan und Yubaraj sind unsere ständigen Begleiter und sollen uns bei den Video Workshops helfen. Wir sprechen über unsere Vorstellungen und Ziele. Zwei Tage später soll der erste Kurs beginnen. Die Lehrer suchen dafür 17 Schüler aus unterschiedlichen Klassen zusammen. Wir sind froh, dass die Verständigung so gut klappt. Frohen Mutes treten wir den Heimweg an.

'One Day in my School'

„Hello, my name is Sadhana. I am a student of Garma School. The school is located in Solukhumbu, Nepal. From Kathmandu it takes 35 minutes by plane or two days by car. Today I will introduce my school to you.“ Mit diesen Worten beginnt die Kurzdokumentation 'One Day in my School.' 

Die 15-jährige Sadhana ist unsere Moderatorin und moderiert in Nepali. Der erste Video Kurs ist bereits seit einigen Tagen im Gange. Gerade versuchen wir den Schülern zu erklären, dass nur die Protagonisten vor der Kamera stehen und Ruhe und Konzentration vorherrschen müssen, sobald das Wort 'Action' fällt. Das ist leider noch nicht bei jedem angekommen und so stehen wir mit dem Kurs und zwanzig Zuschauern am Schultor und gleichen eher Erziehern als einem Filmteam. 

Alle wollen irgendwie beteiligt sein – Lehrer eingeschlossen – und sind so begeistert von der Kamera, dass es uns schwer fällt all die kleinen und großen Finger von der Kameraausrüstung fern zu halten. Nach sechs Anläufen haben wir die erste Szene schließlich im Kasten.

In den ersten Tagen des Video Workshops steht Theorie auf dem Lehrplan. Die Schüler des Film Clubs – so taufen wir unsere Gruppe kurzerhand – lernen den Umgang mit Kamera, Mikrofon und Stativ, die Richtlinien der Interviewführung, die Erstellung einer Story Line, relevantes Fachtermini, den Unterschied zwischen Film und Fernsehen und die Unterteilung in verschiedene Genres. Sie lernen außerdem, welche Macht Medien haben, wie sehr sie uns beeinflussen und hinter das Licht führen können. „Don't believe everything. Question what you see and hear. Build up your own opinion.“, betont Felix immer wieder.

Die Schüler erstellen während des Workshops eine Kurzdokumentation über ihre Schule. Sie überlegen sich die einzelnen Szenen, organisieren den Dreh und stehen selbst hinter und vor der Kamera. Jeder darf und muss aktiv beteiligt sein. Erst jetzt merken sie, wie viel Arbeit, aber auch Spaß Film macht. Die beliebteste Rolle ist die des Kameramanns, der Kamerafrau. Dabei geht es allerdings nicht nur darum den 'Rec' Knopf zu drücken, sondern sich vorab detailliert zu überlegen, welche Kameraeinstellungen man benötigt um eine Szene verständlich und gehaltvoll aufzubauen.

Nach mehreren langen Drehtagen haben wir es geschafft. Zumindest vorerst. Jetzt kommt die größte Aufgabe: das Schneiden der Kurzdokumentation. Die Schüler haben jetzt allerdings Examen und wir eine kurze Pause. Durchatmen.

Im Teehaus

Momos oder Nudelsuppe? Endlich haben wir einmal nicht die Qual der Wahl. Denn in den meisten Teehäusern im Gebiet Solukhumbu muss man sich über der Speisekarte nicht den Kopf zerbrechen. Zum einen gibt es überhaupt keine Karte und zum anderen ist das Angebot überschaubar. Die Frage 'Was esse ich heute?' existiert nicht. Hier bedeutet Luxus zwischen beidem zu wählen. Momos oder Nudelsuppe.

Momos sind mit Fleisch oder Gemüse gefüllte Teigtaschen, meist mit einer scharfen Soße. Nudelsuppe kennt jedes Kind. Genau, Kind! Wann isst man bei uns als Erwachsener noch Nudelsuppe? Vielleicht als Vorspeise, sicher nicht als Hauptgang. Doch Nudelsuppe ist nicht gleich Nudelsuppe. Unter den Teehäusern herrscht fast schon ein Wettbewerb um das beste Süppchen. Das Teehaus von Furwa Doma und Wongda ist hoch im Kurs und viele Stimmen sagen: Hier gibt es die beste Nudelsuppe der Region.

Felix und ich leben in einem gemütlichen, mit Holz verkleideten, kleinen Zimmer über dem Teehaus. An den Wänden hängen drei kitschige Plakate vom Taj Mahal, einem nepalesischen Sänger und einer verschneiten Berglandschaft der Schweiz. Durch die Fenster erblicken wir den Nachbarberg und das Tal, durch welches ein rauschender Fluss fließt. 

Wenn wir nicht unterrichten, arbeiten wir am Filmprojekt: Digitalisieren, Sichten, Aussortieren, Schneiden, Übersetzen. Jeden Tag stellt die Gemeinde von 16 bis 18 Uhr den Strom ab und wir müssen pausieren. Auf dem Programm stehen dann Spaziergänge, Lesen oder einfach nur im Teehaus sitzen, Milchtee trinken, Kekse essen und Menschen beobachten. Besonders am Wochenende gehen die Gäste ein und aus. Meist auf der Durchreise zum Markt nach Salleri, der Hauptstadt von Solukhumbu nähe Phablu. Vor dem Teehaus steht dann ein Tragekorb neben dem anderen, gefüllt mit allerlei zum Verkauf. Und im Teehaus wird fleißig Maisschnaps getrunken. 

Als ich mir einmal selbst Wasser aus einem der blauen Plastikkannen ins Glas schütte, ruft Furwa Doma aufgeregt: „No, no, no! Don't!“ in gebrochenem Englisch und fuchtelt mit den Händen wild in der Luft. Erst als ich am Glas rieche, verstehe ich die Panik. Maisschnaps. Ganze drei Wochen habe ich gebraucht um zu realisieren, dass sich die Gäste – inklusive Gastmutter – nicht gläserweise Wasser, sondern Maisschnaps einverleiben. Die heitere und aufgelöste Stimmung unter den Gästen ist wohl damit zu erklären. Prost.

Dal Bhat ist unser täglich Abendbrot – Linsensuppe mit Reis und Curry, bestehend aus einem Kartoffel-Kraut Mix. Momos sind absolute Ausnahme, genauso wie Fleisch. Der Großteil der Nahrungsmittel stammt aus dem eigenen Garten hinter dem Haus. Es kommt auf den Tisch, was gerade Saison hat.

Auch wenn die Essensauswahl übersichtlich ist, verhungern müssen wir keineswegs. Sobald der Teller zur Hälfte leer ist, steht unsere Gastmutter bereits mit strengem Blick neben uns und füllt unsere Teller nochmal randvoll auf. Anfangs trauen wir uns kaum zu widersprechen, doch bald lernen wir, wie man in Nepal 'nein' sagt: Den Teller blitzschnell vom Tisch reißen und hinter dem Rücken verstecken, dann drei bis viermal energisch 'nein, danke' sagen. 

Das gleiche Spiel gibt es dann nochmal mit Maisschnaps. Morgens erwarten uns zwei bis drei Tassen Milchtee, gefolgt von je zwei gekochten Eiern, dann entweder Fladenbrot mit Honig, Marmelade und Käse oder Pfannkuchen. Die Nachspeise: vier Maiskolben.

Sprachbarrieren

„How old are you?“ „62.“ „Are you born in Garma?“ „Yes, yes.“ „How many people live in Garma?“ „Yes, yes.“ „No! How many people live here in Garma?“ „Ahhh, maybe.“ Kurze Pause. Ein Lachen. „Don't understand.“

Wongda ist unser einziger Gesprächspartner beim Abendessen. Furwa Doma kann kaum Englisch. Wir sitzen mit unserem Nepali Wörterbuch und einem Stapel Karteikarten beim Abendessen. Mit unserem kümmerlichen Nepali, seinem spärlichen Englisch, Händen und Füßen kommunizieren wir jeden Abend. Doch bald ist das Repertoire ausgeschöpft. Wir wollen so viel wissen, wünschen uns Austausch, aber die Sprachbarrieren sind größer.

Ihre Gastfreundschaft, ihr herzhaftes Lachen, ihre warme Art und ihre strahlenden Augen ergreifen uns jeden Tag. Sie leben mit wenig. Doch sie erscheinen unglaublich gelassen und zufrieden. Vielleicht genau deswegen.

Ohne Worte

Pratap, Sumitra und Ang Ngima wollen die Kameras gar nicht mehr aus den Händen geben. Sie sind wie hypnotisiert. Durch die Kamera erscheint alles spannender und faszinierender als in Realität. Und so erkunden sie ihre Schule einmal aus anderer Perspektive.

Heute ist der dritte Tag unseres zweiten Video Workshops in der Schule in Garma. Unsere Schüler sind gehörlos. Wie erklärt man Gehörlosen eine Kamera, ein Mikrofon oder den Aufbau einer Szene? Drei Dinge sind dafür nötig: Viel Geduld und Kreativität, vor allem jedoch ein Lehrer, der der Gehörlosensprache mächtig ist und unseren Unterricht Wort für Wort übersetzt. Film und Fernsehen müssen nicht nur für Hörende sein, auch Gehörlose können dieses Medium nutzen.

Unser Ziel ist die filmische Dokumentation 'No Voice. No Sound.', die gemeinsam mit den 16 Schülern der Gehörlosenklasse erstellt wird. Dabei zeigen sie uns ihre Schule, ihre Welt und zwar in ihrer Sprache. So entsteht während des Video Workshops der erste filmische Beitrag, den auch sie verstehen – in Bild und in Wort.

Während des Kurses dürfen die Kinder und Jugendlichen mit kleinen Kameras auf eigene Erkundungstour gehen. Sie sollen das filmen, was sie bewegt, was sie interessiert. Oft finden wir sie an den abgelegensten Orten wieder. Völlig vertieft in ein Bild. Ohne Ton.

Die gehörlosen Schüler kommen aus der gesamten Region Solukhumbu und wohnen das ganze Jahr gemeinsam mit den Waisenkindern in der Schule. Zweimal im Jahr dürfen sie während der langen Ferien nach Hause. Neben den gängigen Schulfächern lernen sie die Gehörlosensprache.

Wir versuchen uns vorzustellen, wie es ist, ohne Geräusche durch die Welt zu gehen. Manchmal vergessen wir, dass sie uns nicht hören und rufen ihnen zu. Wir sprechen ihre Sprache nicht, deswegen müssen wir kreativ sein, wenn wir uns mitteilen. Und wir lernen: Verständigung funktioniert auch ohne Worte. Viel tiefer und intensiver.

Zurück im Teehaus sichten wir das Material und entdecken Unerwartetes. Die Gehörlosen haben regelrecht Filmszenen aus Kung Fu Filmen nachgestellt. Ein Kind ist Kameramann, das andere gibt klare Anweisungen, übernimmt die Regie. Eine Kampfszene findet statt. 

Die Kinder sind voll dabei und spielen eifrig mit. 'Cut'. Und nochmal von vorne. Alle auf ihre Position und 'Action'. Sie kämpfen. Zwischendurch lachen sie aufgedreht. Später stoßen wir noch auf eine Tanzszene. Vier Kinder stehen nebeneinander und führen ein choreographisches Tanzstück auf. Als wir drei Tage später eine Nacht im Waisenhaus verbringen, begreifen wir, woher sie die Inspiration haben. Alle starren gebannt auf den einzigen Bildschirm. Das Abendprogramm heute: Jackie Chan.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Nach fast sieben Wochen im Himalaya, 40 Dal Bhats, 60 gekochten Eiern, 100 Milchtees und zig Kilometern auf Fußwegen sehnen wir uns nach Veränderung. Tagein, tagaus derselbe Ablauf. Mehrere Wochen haben wir den nepalesischen Alltag in Garma kennengelernt. Wir sind sehr dankbar. Doch Kathmandu ruft. Wir wollen aufbrechen.

Letzter Schultag

Heute ist ein großer Tag. Der letzte Schultag vor den großen Ferien. Auf dem Fußballplatz sind etliche Bänke aufgebaut. Alle Eltern sind gekommen. Zeugnisübergabe.

Eine Rede löst die nächste ab. Keiner wird vergessen. Auch wir erhalten Danksagungen und zahlreiche Blumenkränze. Die Kinder haben den ganzen Tag Blumen gesammelt – gelb, orange, rot – und schmücken damit unsere Körper. Wir sind unglaublich berührt. Während unseres Aufenthaltes in Garma sind uns die Kinder am meisten ans Herz gewachsen. Der Abschied fällt schwer.

Allerdings gibt es noch ein Highlight: die Vorführung von 'One Day in my School'. Ein Zimmer wird mit Leinwand und Beamer ausgestattet. Erstaunlich, wie viele Menschen in ein kleines Klassenzimmer passen. An die Fenster quetschen sich unzählige Nasen um noch einen Blick auf die Leinwand zu ergattern. Nach drei Vorführungen haben schließlich alle unsere Kurzdokumentation gesehen. Der Film Club ist stolz und wir noch viel mehr. Ein letztes Mal durch das Schultor, ein letzter Blick auf die Schule, ein letztes Mal bergauf. Wir kommen wieder.

Auf in den Westen

Zwei Tage später sitzen wir um 7 Uhr morgens mit Sack und Pack im Teehaus. Unsere Finger umgreifen den warmen und duftenden Milchtee. Furwa Doma tischt uns noch einmal gekochte Eier auf und gibt uns vier Maiskolben auf den Weg.

In drei Tagen wollen wir nach Jiri laufen und von dort aus den Bus nach Kathmandu nehmen. Zwei Träger begleiten uns. Unsere Gasteltern stehen zur Verabschiedung am Eingang. Wir falten unsere Hände, halten sie an unsere Stirn und sagen dankbar: „Namaste.“ Auf in den Westen.