Wir brauchen unsere Hebammen

Mit drei Jahren habe ich beim Geburtsvorbereitungskurs mitgeturnt. Mit vier Jahren war ich bei der ersten Geburt dabei. Und mit fünf Jahren durfte ich bei neugeborenen Babys die Windeln wechseln. Ich bin mit großen Bäuchen und schreienden Babys aufgewachsen, denn meine Mutter ist Hebamme. Sie hat viele Jahre freiberuflich gearbeitet. Von klein auf hat sie mir gezeigt, dass Schwangerschaft und Geburt natürliche Prozesse sind. Um diese zu unterstützen, braucht es in den meisten Fällen nur eines: eine gute Hebamme. 

Die Existenz der Hebammen ist derzeit stark gefährdet. Denn die Raten für eine Haftpflichtversicherung klettern ins Unermessliche. Die Hebamme Claudia Lowitz erklärt gegenüber der „Süddeutschen“, wie dramatisch die Kosten gestiegen sind. Im Jahr 1989 zahlte sie noch 150 Euro im Jahr, 2014 sollen es 5091 Euro werden. Und das bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro. Stirbt der Beruf der Hebamme jetzt aus? 

Fünf Gründe, warum wir unsere Hebammen brauchen 

Hebammen unterstützen Frauen in der Schwangerschaftsvorsorge. 

Jede Frau hat in den neun Monaten der Schwangerschaft etliche Fragen – besonders Erstgebärende. Bei den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen durch die/den Frauenärztin/Frauenarzt klären sich zwar einige Fragen, aber manche bleiben auch offen. Denn der Terminkalender der Ärzte ist meist voll. Es bleibt wenig Zeit für ausgiebige Gespräche. Viele Frauen wissen nicht: Auch Hebammen machen Vorsorgeuntersuchungen. 

Dabei tasten sie den Bauch ab und messen so die Größe des Kindes, die Menge des Fruchtwassers und beurteilen die Lage des Kindes. Die Herztöne des Ungeborenen kontrollieren sie mit Hilfe eines sogenannten Doptons. Doch das Wichtigste: Hebammen nehmen sich Zeit für die Sorgen und Ängste der werdenden Mutter. Die Vorsorge durch eine Hebamme ist ein Mix aus medizinischer Kontrolle und seelischer Begleitung. 

Bei der Geburt sind Hebammen die wichtigsten Begleiter. 

Ob im Krankenhaus oder außerklinisch – Geburt ist größtenteils Hebammensache. Im besten Fall unterstützt eine Hebamme die gebärende Frau von der ersten Wehe bis zur letzten. Ärzte kommen nur im Notfall hinzu. Durch die Erhöhung der Haftpflichtversicherung sind vor allem freie Hebammen und somit die außerklinischen Geburten gefährdet. Frauen in Deutschland haben die Freiheit, den Geburtsort ihres Kindes selbst zu wählen – Krankenhaus, Geburtshaus oder Hausgeburt. Doch die letzten zwei Optionen wird es vielleicht bald nicht mehr geben. 

Außerklinische Geburten begleiten nämlich nur freie Hebammen. Auch Beleghebammen – freie Hebammen, die Frauen auch bei klinischen Geburten beistehen, dort jedoch nicht fest angestellt sind – benötigen eine Haftpflichtversicherung um ihre Existenz zu sichern. Falls die Raten tatsächlich unbezahlbar bleiben, sind die Konsequenzen klar: Frauen können nur noch in Krankenhäusern mit dort diensthabenden Hebammen gebären. 

Und nach der Geburt? Hebammen helfen bei der Nachsorge. 

Der Job einer Hebamme ist keineswegs mit der Geburt vorbei. Jetzt beginnt die Nachsorge. Je nachdem, wann die Frau mit dem Neugeborenen wieder zu Hause ist, besucht die Hebamme Frau und Kind jeden Tag bis einmal pro Woche für die gesamte Zeit des Wochenbettes. Also insgesamt sechs bis acht Wochen nach der Geburt. Dabei untersucht sie das Kind, gibt hilfreiche Tipps für Gesundheit und Pflege, hilft der Mutter bei Stillproblemen und achtet darauf, dass sich die Gebärmutter entsprechend zurückbildet. 

Wer soll diese Aufgabe übernehmen? Oder sind Mütter jetzt auf sich allein gestellt? Jede frisch gebackene Mutter weiß, wie unsicher man in den ersten Wochen nach der Geburt ist. Hebammen sind die bedeutungsvollsten Wegbegleiter im Wochenbett. 

Hebammen nehmen Ängste und zeigen Frauen den natürlichen Weg. 

Der medizinische Standard in Deutschland ist sehr hoch, davon profitiert auch die Geburtshilfe und die Frühgeborenen-Versorgung. Dennoch schüren die zahlreichen medizinischen Möglichkeiten im Bereich der pränatalen Diagnostik sowie der Geburtshilfe auch Ängste.

Bei den werdenden Müttern entstehen Unsicherheiten. Ist das Kind wirklich gesund? Schaffe ich die Geburt? Fragen, bei denen Hebammen zur Seite stehen. Sie zeigen Frauen den natürlichen Weg und bestärken sie in ihren Kräften nach dem Motto: Du schaffst das – vertraue dir und deinem Kind! Ein Rat, der in der Schwangerschaft oft zu kurz kommt. Hebammen machen Mut.

Uraltes Hebammenwissen muss erhalten bleiben. 

Sie wurden verehrt. Oder als Hexen verbrannt. Der Beruf der Hebamme ist so alt wie unsere Menschheit selbst, genauso wie ihr Wissen. Wer ist imstande, den Erfahrungsschatz einer 60-jährigen Hebamme zu ersetzen? Niemand. Auch wenn Ärzte in Notfällen unentbehrlich sind, haben sie trotzdem nicht das Wissen einer Hebamme. Sicherlich können nur wenige Ärzte beantworten, wie man Plazenta-Pulver herstellt oder welches Hausmittel Wehen fördert. 

Hebammen geben Antworten. Die freien Hebammen sind kurz davor, ihre Existenz zu verlieren. Was kommt danach? Werden dann die festen Stellen der Hebammen abgebaut? Kriegen Frauen demnächst ohne Hebammen ihre Kinder? Der Beruf der Hebamme ist einer der ältesten unserer Geschichte, ihn zu schützen, sollte das oberste Ziel sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Huffington Post.